Hochprofessionelle Diebe stehlen teure Biere und Weine

von Conrad Seidl 22/09/2026
Nachrichten
Hochprofessionelle Diebe stehlen teure Biere und Weine

Liverpool/Los Angeles/Alba - Am Anfang steht nicht der Einbruch, sondern die Logistik. Wer zwei Sattelauflieger mit rund 880 Guinness-Fässern aus einem Depot fährt oder in einer Kellerei mehr als 3000 Flaschen Barolo verlädt, benötigt Fahrzeuge, Zeit, Kenntnisse der Abläufe und vor allem Absatzkanäle. Der Getränkediebstahl in industriellem Maßstab verweist damit auf eine Form organisierter Kriminalität, deren eigentlich schwieriger Teil erst nach dem Abtransport beginnt: Wie lassen sich etwa 800 Kegs unauffällig verkaufen, ohne dass Herkunft, Pfand- und Steuerfragen die Ware verraten? Und wie gelangen hochpreisige Weine aus klar zuzuordnenden Beständen in den Handel, ohne bei Händlern, Gastronomen oder Sammlern Verdacht zu erregen?

Am 31. August fuhren in Runcorn bei Liverpool zwei Zugmaschinen auf das Gelände eines Gewerbedepots und kuppelten nacheinander zwei beladene Auflieger an. Der erste Lastwagen traf gegen 19.45 Uhr ein, der zweite etwas nach 21 Uhr. Auf Überwachungsbildern ist jeweils zu sehen, wie ein Fahrer zum Eingangsgebäude geht; anschließend öffnen sich die Schranken. Entwendet wurden nach Angaben der Polizei rund 880 Fässer Guinness im Wert von etwa 115.000 Pfund. Zusammen mit den beiden Aufliegern beziffert die Polizei den Schaden auf etwa 205.000 Pfund. Die Anhänger wurden später in Lancashire abgestellt gefunden, die Fässer jedoch nicht. Die Ermittler warnten ausdrücklich vor Angeboten mutmaßlich gestohlener Kegs.

Der Fall zeigt die Besonderheit solcher Ware. Bierfässer sind sperrig, schwer und im regulären Verkehr normalerweise in Pfand-, Rücknahme- und Lieferbeziehungen eingebunden. Gerade deshalb genügt es nicht, einen Auflieger zu entwenden. Die Täter müssen wissen, welche Gaststätten, Veranstalter oder Zwischenhändler größere Mengen abnehmen könnten; sie müssen Transport und Lagerung organisieren und die Ware zu Preisen anbieten, die einen Käufer locken, ohne dessen Misstrauen zu wecken. Die beiden Fahrer in Runcorn wirkten nach den bisher bekannten Bildern nicht wie Gelegenheitstäter. Dass die Zugangsschranken geöffnet wurden, legt zumindest nahe, dass sie über ein glaubwürdiges Auftreten, Informationen über die Abläufe oder beides verfügten. Die Polizei hat bislang keine Festnahmen gemeldet.

In Kalifornien zeigte sich am 17. August eine andere Variante: Aus einem Anheuser-Busch-Verteilzentrum in Montclair verschwanden am selben Vormittag zwei Ladungen. Eine für Tucson bestimmte Lieferung im Wert von rund 45.000 Dollar wurde abgeholt, kam dort aber nie an. Etwa eine Stunde später legte ein angeblicher Subunternehmer gefälschte Dokumente vor und erhielt Ware im Wert von weiteren 25.000 Dollar. Insgesamt handelte es sich um rund 34.000 Dosen Pabst Blue Ribbon und alkoholfreies Old Milwaukee, mehr als 1500 Kartons und etwa 18 Tonnen Bier. Die Polizei prüfte, ob beide Vorgänge zu einer Operation gehörten.

Pabst reagierte mit einem ironischen Aufruf auf Instagram, verband ihn aber mit einem ernst gemeinten Rückgabeverlangen. Die Kommunikation lenkte Aufmerksamkeit auf die Dimension des Falls, ändert jedoch nichts an dessen Struktur: Die Fälschung von Frachtpapieren zielt auf eine Schwachstelle, an der Lieferketten auf Vertrauen, Zeitdruck und standardisierte Dokumente angewiesen sind. Nicht das Aufbrechen eines Lagers, sondern das möglichst reibungslose Abholen der Ware macht den Coup effizient.

Beim Wein verschiebt sich das Problem vom Gewicht zur Identifizierbarkeit. In Monforte d’Alba im Piemont drangen vier maskierte Männer in die Kellerei Conterno e Fantino ein und entwendeten in der Nacht von 16. auf 17. Dezember  mehr als 3000 Flaschen Barolo der Jahrgänge 2021 und 2022, darunter auch Großformate. Der Schaden wird auf mehrere hunderttausend Euro geschätzt. Nach Berichten lokaler Medien nutzten die Täter zwei Gabelstapler des Betriebs, arbeiteten etwa drei Stunden lang und schoben die beladenen Transporter mit ausgeschaltetem Motor rund hundert Meter bis zur Straße, bevor sie die Motoren starteten.

Für die Täter entsteht hier ein anderer Zwang als bei Bier: Hochpreisiger Barolo ist weder anonym noch leicht über einen gewöhnlichen Ausschank zu verteilen. Chargen, Etiketten, Flaschenformate und Herkunft lassen sich verfolgen; seriöse Händler werden bei ungewöhnlich günstigen Partien und fehlenden Bezugsnachweisen vorsichtig sein. Gerade deshalb dürfte der Absatz über verdeckte Kanäle, über Auslandsmärkte oder an Käufer erfolgen müssen, die sich für die Provenienz nicht interessieren. Beide Fälle sind somit weniger Geschichten über Durst als über kriminelle Lieferketten – und über die Frage, wer bereit ist, Ware ohne nachvollziehbare Herkunft zu kaufen.