Nur noch zwei Drittel der Deutschen trinken Alkohol

von Conrad Seidl 22/06/2026
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Nur noch zwei Drittel der Deutschen trinken Alkohol

Berlin - Deutschland trinkt weniger Alkohol. Darauf deuten nicht nur sinkende Bierabsatzzahlen hin, sondern auch eine neue repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die einen tiefgreifenden Wandel in Einstellungen und Alltagspraktiken rund um das Trinken beschreibt: Ein knappes Drittel der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands trinkt niemals alkoholische Getränke. Der Alkoholkonsum verliert demnach an Selbstverständlichkeit, klassische Zielgruppenstrukturen erodieren, und alkoholfreie Alternativen rücken in den Mittelpunkt eines veränderten Verständnisses von Genuss und sozialem Miteinander.

Im Zentrum steht die YouGov-Studie „Alkoholkonsum im Wandel“, die im September 2025 auf Basis von 2011 Interviews im Onlinepanel des Instituts durchgeführt wurde. Der Vergleich mit einer identisch angelegten Erhebung aus dem Jahr 2015 zeigt eine deutliche Verschiebung: Gaben damals noch 78 Prozent der Befragten an, Alkohol zu trinken, sind es 2025 nur noch 68 Prozent. Dieser Rückgang ist nach Angaben der Forschenden kein Alters- oder Geschlechtereffekt, sondern über Generationen und Geschlechter hinweg zu beobachten.

Besonders augenfällig ist der Wandel bei jüngeren Altersgruppen. In der Generation Z geben deutlich weniger Menschen an, überhaupt Alkohol zu trinken, als bei Millennials und der Generation X. Zugleich dokumentiert die Umfrage eine ausgeprägte Veränderungsbereitschaft: Ein erheblicher Teil der Jüngeren hat den eigenen Konsum in den vergangenen fünf Jahren reduziert oder beendet und begründet dies vor allem mit Gesundheitsaspekten.

Die Motive hinter der Abkehr von Alkohol sind vielschichtig. Viele Befragte verweisen auf die generelle Gesundheitsgefährdung, andere nennen konkrete gesundheitliche Probleme oder den Wunsch, häufiger nüchtern zu bleiben. Hinzu kommen ein verbreitetes Bedürfnis nach mehr Kontrolle, bewusster Lebensgestaltung und veränderte Alltagsrealitäten, etwa durch digitale Arbeits- und Kommunikationsformen, die andere Routinen und soziale Kontexte erzeugen.

Die rückläufigen Anteile von Alkoholtrinkern schlagen sich auch in den Absatzdaten nieder. Auswertungen des Handels deuten darauf hin, dass die Zahl der Käufer alkoholhaltiger Getränke rückläufig ist, während alkoholfreie Alternativen an Bedeutung gewinnen. Besonders betroffen ist das Segment klassischer Biere mit Alkohol, während alkoholfreie Biere und Mischgetränke Zuwächse verzeichnen. Auch Fachmedien wie die „Brauwelt“ sprechen vor diesem Hintergrund von einem Paradigmenwechsel in der Wahl der Produktkategorien, der vor allem von jungen Konsumentinnen und Konsumenten ausgehe.

Die vielfältigen Beweggründe und neuen Muster erschweren einfache Zielgruppenbilder. Während ältere Generationen häufiger auf ärztliche Empfehlungen, Medikamenteneinnahme oder den Wunsch nach Stabilität im Alltag verweisen, sind für jüngere Befragte Fragen von Selbstbestimmung, körperlicher Fitness und sozialer Abgrenzung zentral. Die Marktforscherinnen und Marktforscher bei YouGov heben hervor, dass klassische Konsummuster – etwa die stabile Bindung an bestimmte Getränkekategorien oder Anlässe – an Bedeutung verlieren und Verbraucher heute flexibler zwischen alkoholhaltigen und alkoholfreien Optionen wechseln, abhängig von Anlass und persönlicher Haltung.

Für die Brauwirtschafft markieren die Befunde eine Zäsur. „Unsere Studie zeigt, dass der Alkoholkonsum in Deutschland zunehmend seine frühere Selbstverständlichkeit verliert“, sagt YouGov-Researcherin Isabel Göpel. Künftig werde es für Hersteller entscheidend sein, unterschiedliche Genussmomente und flexible Bedürfnisse zielgerichtet anzusprechen, statt sich auf überkommene Zielgruppenkonstruktionen zu verlassen. In der Praxis bedeutet dies, neben klassischen Produktlinien ein wachsendes Angebot alkoholfreier Varianten aufzubauen – vom Bier über Schaumwein bis zu Spirituosenersatz –, ohne den Anspruch auf Geschmack und Ritualcharakter aufzugeben.

Gleichzeitig warnen Mediziner und Suchtexperten davor, aus dem Rückgang vorschnell eine Entwarnung abzuleiten. Riskanter Konsum und Rauschtrinken bleiben verbreitet, und der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland liegt im internationalen Vergleich weiterhin im oberen Bereich. Zwischen stabil hohen Risiken und einem erkennbar rückläufigen Konsum entsteht damit ein Bild, das den Umgang mit Alkohol in Deutschland neu vermisst und Politik wie Branche zu einer langfristigen Anpassung zwingt.

 

https://yougov.com/de-de/artikel/54770-paradigmenwechsel-im-trinkverhal…