Frankfurt - Der deutsche Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder fordert in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (22. Juni 2022) die Einrichtung von 10.000 zusätzlichen Kneipen in Deutschland. Er konzediert, dass Schankwirtschaften Orte nostalgischer Sehnsüchte und des "enthemmten Alkoholkonsums" sind - er sieht sie allerdings vorrangig als Begegnungsstätten.
"Dabei lebt die Demokratie von Orten lebendiger Begegnung – von Orten, an denen Ideen, Vorlieben oder Meinungen ausgetauscht werden, an denen Menschen miteinander reden und einander zuhören. Orte, an denen gegenseitiges Vertrauen geschaffen wird und damit eine Basis für Vertrauen in Politik", schreibt der Wissenschaftler, er lehrt Politikwissenschaften an der Universität Kassel und ist Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).
Schroeder argumentiert: "10.000 Kneipen wären eine Investition gegen Extremismus und für demokratischen Diskurs. Obwohl dort oft niedriges Niveau und hoher Alkoholspiegel herrschen? Nein, gerade deshalb!" Mit dem Rückgang klassischer Kneipen verschwindet nämlich nicht nur ein Teil der Alltagskultur, sondern auch ein sozialer Ort, an dem unterschiedliche Milieus regelmäßig aufeinandertreffen. Zwischen 2016 und 2024 ist die Zahl der Schankwirtschaften in Deutschland von mehr als 30.000 auf gut 21.800 gesunken. Parallel dazu wächst die Sorge über Vereinsamung und politische Entfremdung.
In der Forschung wird seit Jahren auf „schrumpfende Räume“ verwiesen. Gemeint ist der Rückzug des Öffentlichen zugunsten privater und digitaler Sphären. Wo Begegnung ausbleibt, verengt sich die soziale Wahrnehmung. Gespräche finden dann häufiger unter Gleichgesinnten statt, während abweichende Perspektiven ausgeblendet werden. Digitale Kommunikation verstärkt diesen Effekt. Die Kneipe fungierte lange als ein Gegenmodell: ein informeller Ort ohne Zugangshürden, an dem soziale Unterschiede relativiert werden und Gesprächsanlässe entstehen.
Wenn man nicht mehr "auf ein Bier geht"
Empirische Hinweise deuten darauf hin, dass es politische Folgen haben kann, wenn man nicht mehr miteinander "auf ein Bier geht". In Frankreich etwa erzielt der Rassemblement National in Regionen höhere Zustimmungswerte, in denen Dorfkneipen verschwunden sind. Auch in Deutschland reagieren politische Akteure darauf, indem sie eigene Treffpunkte schaffen, die bewusst an die Funktion der Kneipe anknüpfen. Der Zusammenhang ist nicht kausal im engen Sinn, verweist aber auf eine Leerstelle im sozialen Gefüge.
Die Idee, Kneipen gezielt zu fördern, versteht sich daher weniger als Wirtschaftsförderung denn als Infrastrukturpolitik der Zivilgesellschaft: "Es geht bei der Forderung nach 10.000 Kneipen also nicht so sehr um 10.000 Zapfhähne, sondern um 10.000 Orte der Begegnung", schreibt Schroeder. Diskutiert werden Programme, die neue oder bestehende Lokale als „dritte Orte“ stärken – offen, freiwillig zugänglich und jenseits institutioneller Bindungen. Genossenschaftliche Modelle oder kommunale Kooperationen gelten als mögliche Formen, um wirtschaftliche Risiken zu mindern und zugleich lokale Verankerung zu sichern.
Wenig Radikalität am Stammtisch
Ein solcher Ansatz bleibt nicht frei von Einwänden. Kneipen sind auch Orte des Alkoholkonsums, mit entsprechenden gesundheitlichen und sozialen Risiken. Zudem haftet dem „Stammtisch“ der Ruf an, Vorurteile zu verstärken. Allerdings zeigt Forschung, dass gerade heterogene Begegnungen in informellen Settings zur Mäßigung beitragen können, sofern Regeln des respektvollen Umgangs gelten. Entscheidend wäre daher, Förderungen an Bedingungen zu knüpfen, die Offenheit und Vielfalt sichern.
"Der Stammtisch hat keinen guten Ruf", räumt Schroeder ein - verweist aber darauf, dass hochnäsige Kritiker des Stammtisches ihre eigene Version von Stammtischkultur pflegen - in exklusiven Klubs oder der Spitzengastronomie. Schroeder bezieht sich auf jene gesellschaftlichen Gruppen, "die solche Begegnungsräume sehr selbstverständlich und mit großem Gewinn für sich nutzen, die sich durch hohe soziale und ökonomische Einstiegshürden auszeichnen. Dagegen erfordert der Besuch einer Kneipe weder eine institutionelle Einbindung noch wirtschaftliches, politisches oder kulturelles Kapital. Es werden somit gesellschaftliche Gruppen erreicht, die von klassischer Demokratieförderung häufig ausgeschlossen bleiben, etwa Migrantinnen und Migranten oder Personen mit niedrigerem Bildungsgrad."
Die politische Frage lautet letztlich, wie viel öffentliche Aufmerksamkeit scheinbar beiläufigen Orten des Alltags zukommen soll. Wer Demokratie als soziale Praxis versteht, wird sie nicht allein in Institutionen verorten. Dann erscheint die Kneipe weniger als folkloristisches Relikt denn als Teil einer Infrastruktur, deren Erosion politische Folgen haben kann.