Trinkgewohnheiten ändern sich, Premiumbiere gewinnen

von Conrad Seidl 06/08/2026
Nachrichten
Trinkgewohnheiten ändern sich, Premiumbiere gewinnen

London - Trinken ist für viele Menschen nach wie vor Bestandteil des Alltags, doch Art und Anlass des Konsums verändern sich. Eine aktuelle Studie von Ipsos und IWSR im Auftrag des Braukonzerns AB InBev zeigt, dass globale Trinkgewohnheiten sich weg von häufigem, wenig reflektiertem Konsum hin zu bewussteren Entscheidungen verschieben. Pro Trinkanlass wird in langfristigem Vergleich etwas weniger und vor allem auch leichter getrunken: Der Anteil des Bieres an allen verkauften alkoholischen Getränken ist im Lauf von fünf Jahren von 44 auf 47 Prozent gestiegen. Während das Gesamtvolumen des Alkoholkonsums seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegen ist, geht der Pro‑Kopf‑Verbrauch in mehreren Märkten zurück. Zugleich trinkt nach Angaben der Studie weiterhin eine deutliche Mehrheit der Erwachsenen Alkohol, und gerade jüngere Generationen bleiben der Kategorie zugewandt. 

Interessant für die Brauwirtschaft: Weltweit ist das Volumen der Bierproduktion seit 2010 im Großen und Ganzen gleich geblieben - aber es hat sich eine Verschiebung von Standardbieren hin zu Premiummarken ergeben. In den vergangenen 15 Jahren ist dieses kleine, aber hoch profitable Segment prestigeträchtiger Biermarken pro Jahr um 5,6 Prozent gewachsen. "Während Konsumenten ihre Ausgaben schärfer ins Auge fassen, stärken sie gleichzeitig jene Marken, die durch Qualität, Erlebnis und Markenprestige besondere Werte vermitteln", heißt es in der Studie.

Kennzeichnend für den Wandel ist der Trend zur Mäßigung. Konsumenten achten stärker auf den Alkoholgehalt, reduzieren Trinkgelegenheiten oder wählen gezielt Getränke mit niedrigerem Volumenprozent. In vielen Märkten gewinnt das Konzept des „mindful drinking“ an Bedeutung, bei dem Genuss und soziale Momente zwar erhalten bleiben, aber mit gesundheitlichen Überlegungen und Leistungsansprüchen am nächsten Tag verbunden werden. Dazu gehört auch der wachsende Markt für alkoholfreie Varianten, der sich von der Rolle bloßer Ersatzprodukte zu einer eigenen Kategorie entwickelt. 

Chancen für die Brauwirtschaft

Der Anlass verschiebt sich ebenfalls. Studien zufolge nennen viele Verbraucher soziale Kontakte als Hauptmotiv für den Griff zum Glas; das Trinken dient damit weniger als Abgrenzung vom Alltag denn als Begleitung gemeinsamer Aktivitäten. Gleichzeitig verlagern sich diese Anlässe zeitlich nach vorn: Spätnachmittags‑ und Frühabendformate werden wichtiger, lange Nächte treten in den Hintergrund. Ein breiter Trend zu eher leichten Drinks, Highballs und Spritz‑Varianten spiegelt diesen Funktionswandel wider. Hier liegt eine Chance für die Brauwirtschaft.

Jüngere Erwachsene, insbesondere die Generation Z, erscheinen in den Erhebungen als wählerischer. Sie greifen zwar nicht seltener zu alkoholischen Getränken, beschränken aber die Zahl der konsumierten Kategorien pro Anlass und bevorzugen klar definierte, zu ihrem Lebensstil passende Produkte. Dies unterstützt die Beobachtung, dass sich ein kleineres, dafür bewusster ausgewähltes Repertoire etabliert, das häufig Marken und Stilrichtungen umfasst, denen Nutzer vertrauen. Verlässlichkeit, Transparenz und bekannte Herkunft gewinnen gegenüber experimentellem Konsum an Gewicht. 

Parallel dazu wächst das Segment funktionaler und nichtalkoholischer Getränke, das mit Versprechen wie Zuckerreduktion, Zusatz von Vitaminen oder Ballaststoffen und alternativen Zutaten arbeitet. Auch hier steht ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper im Vordergrund, der sich mit dem Wunsch nach Abwechslung und neuen Geschmacksprofilen verbindet. Die Grenzen zwischen klassischem Genussmittel und als gesundheitsrelevant erlebtem Produkt werden damit durchlässiger. Schlecht für die Brauwirtschaft: EU-Regelungen verbieten den Herstellern, positive gesundheitliche Aussagen über alkoholische Getränke in der Werbung oder Produktbeschreibung zu verwenden. 

Für Hersteller und Handel bedeutet dieser Wandel, dass stabile Nachfrage nicht mit gleichbleibenden Mustern einhergeht. Die Kategorie alkoholischer Getränke bleibt laut Ipsos und IWSR widerstandsfähig, doch ihre Struktur verschiebt sich: zwischen niedrigem und normalem Alkoholgehalt, zwischen traditionellen Märkten und Wachstumsregionen, zwischen etablierten Marken und neuen Formaten wie Ready‑to‑drink‑Cocktails. Trinkgewohnheiten werden von den Analysten als ein  Feld bezeichnet, in dem gesellschaftliche Debatten über Gesundheit, Zeitnutzung und soziale Beziehungen unmittelbar im Glas sichtbar werden.

https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/publication/documents/2026…