Umfassende Kulturgeschichte des tschechischen Bieres

von Conrad Seidl 27/09/2026
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Umfassende Kulturgeschichte des tschechischen Bieres

Wien/Prag - Hopfen und gehopfte Biere aus Böhmen waren bereits im Mittelalter begehrte Handelsgüter, die auf den Märkten der norddeut­schen Seestädte umgeschlagen wurden und zweifellos zu Hamburgs Aufstieg an die Spitze der Hansestädte beitrugen. Sie haben einen Mythos begründet, dem der Wiener Autor Winfried Dimmel mit seinem Kollegen Gerhard Stadler nachgegangen ist: "Pivo - Mythos tschechisches Bier" (Verlag Bibliothek der Provinz) spürt den historischen Wurzeln der Bierbrauerei in Klöstern und Städten, in herrschaftlichen Brauhäusern sowie in der Industrialisierungswelle des 19. Jahrhunderts nach. "In etwa die Hälfte der gesamten Bierproduktion Österreich-Ungarns stammte an der Wende zum 20. Jahrhundert aus dem Königreich Böhmen, der Markgrafschaft Mähren und Schlesisch-Österreich, jenen Ländern, die im Wesentlichen das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik einnehmen. Mit einem Prokopfverbrauch von 128 Litern Bier erzielte man im Kronland bereits 1906 einen außergewöhnlich hohen Konsum, der im europäischen Vergleich nur vom Bierdurst der benachbarten Bayern übertroffen wurde."

Der Autor - er ist unter anderem Milizoffizier beim Bundesheer - spürt detailgenau den Umständen der Bierproduktion und den Rollen einzelnen brauberechtigter Familien nach. Er vergisst aber auch nicht die Konsumentenseite: "Das Bier ist eng mit der tschechischen Alltags- und Trinkkultur ver­bunden, sodass nirgendwo Mangel an Gelegenheiten für den geselligen Biergenuss herrscht, wie es der Schriftsteller Karel Capek (1890-1938) auf den Punkt brachte." Die Zitate von Literaten und Politikern sind gekonnt eingestreut - hier also Capek: "Es bechern die Alten und die Jungen, die Männer wie die Frauen, man trinkt in den Dörfern und in den Städten. Es zechen die Direktoren, es trinken die Pfarrer - und die Arbeiter und Bauern? Die trinken am Morgen, sie kübeln zu Mittag und sie sau­ fen am Abend. Ein kleines Bier gönnt man sich bei uns gerade einmal, wenn man ausnahmsweise nicht trinken will. Und ein Biertrinker, der zwar nicht trinken, sich aber doch den Gaumen befeuchten will, der gibt sich keineswegs bloß ein Kleines, weil er sich dafür ja genieren müsste, der trinkt lieber einen Schnitt, ein in einem durchgehenden Vorgang mit viel Schaum in ein Halbliterglas gezapftes Bier.“

Der Autor des neuen Buches beweist sich als belesen und als Kenner des tschechischen Filmschaffens - "In dem Kriminalfilm Adela jeste nevecefeia / Adele hat noch nicht zu Abend gegessen aus dem Jahr 1977 wird der New Yorker Detektiv Nick Carter von dem schlagkräftigen und trinkfesten Prager Kommissar Ledvina im Zuge ihrer gemeinsamen Ermittlungen mit der tschechischen Kultur, das heißt mit der Welt des Pilsner Bieres vertraut gemacht. Die unterschwel­lige Botschaft des beständig zunehmenden Bierkonsums der beiden Protagonisten vermittelt unzweideutig: Nur wer Bier trinkt, hat die landestypische Lebensart verinnerlicht, um auch Teil der Gesellschaft zu sein."

Oder eben der Staatspräsident Vaclav Havel, der als Politiker weit bekannter als als Schrifsteller geworden ist. Dimmel erzählt: "Die Gaststätte Zum Goldenen Tiger/ U Zlateho tygra kann ihre Tradition bis in das Jahr 1864 zurückführen, als die Bierstube in der Hus Gasse 17 in der Prager Altstadt ein Kaffeehaus ablöste, das als Treffpunkt von tschechischen Patrioten und Regimekritikern bekannt war. Dort zirkulierten nationalistische Zeitschriften, und an den Kaffeetischen führte man die politischen Debatten, die in der brei­ten Öffentlichkeit keinen Platz hatten. Die alsbald für ihr fachgerecht gezapftes Pilsener bekannte Bierstube wurde zu einem beliebten Ort für die Zusammenkünfte von Kunstschaffenden und Intellektuellen. Die Schriftsteller Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal sowie die Regisseure Jan Werich und Milos Forman trugen als Gäste zur besonderen Aura der Gaststätte bei. Eine der vielen Anektoten aus dem Goldenen Tiger kreist um den zweistündigen Besuch der beiden Staatspräsidenten Vaclav Havel und Bill Clinton, dem aufwendige Sicherheits- und Hygienekontrollen in der Bierstube vorangegangen waren. Sogar von dem später angezapften Bierfass wurden vorab Proben gezogen, untersucht und für gesundheitlich unbedenklich befunden. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Bill Clinton, lob­te das Pilsner Urquell, trank drei Halblitergläser und verzehrte ein Schnitzel im Teigmantel samt Kräutersalat. Bargeld hatten weder die Staatsgäste aus Übersee noch die Repräsentanten der Tschechischen Republik bei sich. Mit der kurz ange­bundenen Aufforderung „Die Rechnung an die Burg!“ sorgte Präsident Havel für Gesprächsstoff in der Boulevardpresse, die den Vorfall als Beispiel für die Abgehobenheit und Realitätsferne des Staatsoberhauptes wertete. Der Wirt des Goldenen Tigers hingegen betrachtete es als Ehrensache, die offene Zeche seiner prominenten Gäste zu übernehmen."

Besonders spannend wird es, wenn Dimmel den wirtschaftlichen Wandel und die Verlagerung von Machtverhältnissen darlegt: "In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts braute man in Böhmen jährlich annähernd 500.000 Hektoliter Bier, die zu zwei Fünfteln in den 165 Königs- und Bergbaustädten bereitet wurden. In den folgenden eineinhalb Jahrhunderten ver­lagerte sich der Erzeugungsschwerpunkt von den urbanen zu den herrschaftlichen Braustätten, sodass im Jahr 1712 bereits drei Viertel der landesweit hergestellten Biermenge von 1,3 Millionen Hektolitern aus Sudhäusern des Adels und der Klös­ter stammten, während der Anteil der Königsstädte nur mehr siebzehn und jener der untertänigen Städte neun Prozent betrug. Im Zuge der Theresianischen und Josephinischen Reformen untersagte man das Reihebrauen in den Bürgerhäusern und verlegte die Herstellung in gemeinschaftlich genutzte Brauhäuser." 

All das wird getreulich dokumentiert, bis es 106 Seiten später heißt: "Noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden gut zwei Drittel aller Braustät­ten in den Böhmischen Ländern von adeligen Grundherren betrieben, die Rohstoffe wie Wasser, Gerste und Hopfen sowie Holz als Brennstoff aus eigenen Ländereien bezogen. Sie versorgten vor allem die Untertanen ihrer Grundherrschaften mit Bier, waren nach handwerklichen Traditionen strukturiert und hinsichtlich ihrer Kapazitäten entsprechend limitiert. Große Mengen Bier wurden lediglich anlassbezogen für Feste und Feiertage erzeugt. Mit der einsetzenden Liberalisierung verloren die herrschaftlichen Braubetriebe jedoch das Privileg auf den exklusiven Ausschank in ihren Hoheitsgebieten. Somit war es nicht mehr der Grundherr, der bestimmte, welches Bier in den Krug seiner Untertanen kam, sondern der Gastwirt, der entschied, welches Getränk er seinen Gästen kredenzte."

Schließlich wird von Dimmel und Stadler auch nicht verschwiegen, wie die Irrwege des Nationalismus dazu geführt haben, dass deutsch-böhmische Konsumenten Biere aus anderen Brauereien bevorzugten als tschechische Nationalisten, die eigene Brauereien gründeten. Und auch die aktuelle Entwicklungen einer sehr aktiven Craftbierszene finden gebührliche Erwähnung: Bis 1992 gab es in ganz Tschechien nur eine einzige Hausbrauerei (U Fleku in Prag) - inzwischen ist gibt es gefühlt in jeder Stadt mehrere Craftbierbrauereien.

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